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Das Landwirtschaftsgesetz sieht die Möglichkeit vor, dass Investitionskredite für Massnahmen zur Diversifizierung der Tätigkeit im landwirtschaftlichen und landwirtschaftsnahen Bereich an Landwirte vergeben werden können. Diese Massnahmen sollen es ihnen ermöglichen, neue Einkommensquellen zu erschliessen. Ausserdem ist es mit Blick auf die öffentliche Politik notwendig, die Multifunktionalität der Landwirtschaft und ihre ökologische, soziale und touristische Bedeutung hervorzuheben. Diese Projekte stehen im Einklang mit dem Ziel der AP22+, die Marktorientierung, das unternehmerische Potenzial, die Selbstverantwortung und die Innovationskraft in der Landwirtschaft zu stärken.

Die Waadtländer Projekte, die kürzlich Unterstützungsgelder des Fonds d’Investissements Agricoles (FIA) in Form von Investitionskrediten des Bundes erhielten, umfassen insbesondere den Bau von Getreidespeichern für Label- oder Bioprodukte, das Anlegen einer Trüffelplantage, die Erstellung eines Weinverkaufsraums sowie die Installation einer Abpackanlage für Hofprodukte.

Im Folgenden wird genauer auf ein laufendes Projekt eingegangen, nämlich das Projekt der Milchgenossenschaft von La Comballaz, Les Mosses und Les Voëttes, um das Potenzial und die Besonderheiten dieser Projektart zu veranschaulichen.

Käserei von La Comballaz

Die Milchgenossenschaft wurde 1957 gegründet. Ursprünglich kümmerte sie sich um die Milchentrahmung. Der Rahm wurde weiterverkauft und die Milch von den Produzenten weiterverwendet. Die Käserei verfügte bereits über eine kleine Verkaufsfläche und über eine Wohnung im Obergeschoss.

Im Jahr 1986 fand mit dem Einbau eines Milchtanks und der Vergrösserung der Räumlichkeiten ein erster Ausbau statt. Der Verkaufsladen wurde vom Mieter der Wohnung betrieben.

Im Jahr 2016 kamen angesichts der Schwierigkeiten rund um die Stabilität der Verkaufstätigkeit Fragen auf, zum Beispiel, wie der Wert der Produkte der Genossenschaftsmitglieder gesteigert und gleichzeitig das finanzielle Gleichgewicht sichergestellt werden könne. Die Grundüberlegung war, die Produzenten nicht noch stärker zu belasten, sondern sie am Mehrwert der Verarbeitung und Vermarktung ihrer Produkte teilhaben zu lassen. Parallel dazu wurden technische Möglichkeiten entwickelt, um Produkte lagern und verkaufen zu können, ohne dass dazu eine Bedienung nötig ist.

Aus diesen Überlegungen entstand das jetzige Projekt:

  • Umbau des Verkaufsladens: neu mit Verkaufsautomaten für gesunde und lokale Lebensmittel der Produzenten (Fleisch, Wurstwaren, Alpkäse und Gruyère, Kräutertees, Doppelrahm etc.);

  • Installierung eines neuen Tanks für Biomilch;

  • Sicherstellung der Dienstleistungserbringung an 7 Tagen pro Woche, praktisch rund um die Uhr.

  • Parallel zu diesen Arbeiten wird die Wohnung im ersten Stock renoviert.

Das Projekt bezweckt, die Stärken der Milchgenossenschaft zu nutzen und den Ansprüchen der Konsumenten gerecht zu werden. Es soll:

  • von der Lage der Molkerei direkt an der Route du Col des Mosses, d. h. von der Strassenverkehrsanbindung und den nahegelegenen Parkplätzen, profitieren. Es werden insbesondere Synergien mit dem nahegelegenen Campingplatz erwartet;

  • auf das wachsende Interesse an lokalen Produkten von regionalen Produzenten reagieren;

  • die verschiedenen Produzenten vernetzen, um den Konsumenten ein vielfältiges Angebot zu bieten;

  • digitale Lösungen nutzen, um die Kosten zu optimieren und die Produkte rund um die Uhr anbieten zu können.


Zoom: ab2019_les_enjeux_diversification_abb_1.jpg

Milchautomat, zugänglich an 7 Tagen pro Woche, rund um die Uhr

Fragen, die es zu klären gilt

Aus der Sicht des Geldgebers müssen bei der Ausarbeitung eines Projekts zur landwirtschaftlichen Diversifizierung zuerst einige Fragen geklärt werden, insbesondere bezüglich:

  • Absatzpotenzial des neuen Produkts: Gibt es einen Markt dafür? Welche Vertriebskanäle gibt es und kann man sich dabei auf ähnliche Unternehmen in anderen Regionen stützen?

  • Lage des Betriebs: Solche Projekte charakterisieren sich durch den Direktverkauf ihrer Produkte. Infolgedessen spielen die Lage und die Sichtbarkeit der Lokalität beim Ausbau der Geschäftstätigkeit eine entscheidende Rolle. Auch das Verwenden von neuen Technologien muss abgeklärt werden.

  • Auswirkungen auf den Personalbedarf: Abgesehen vom zusätzlichen Arbeitsaufwand ist es auch notwendig, zu ermitteln, inwiefern neue Kompetenzen gefragt sind (insbesondere für den Verkauf und die Vermarktung der Produkte) und welche Auswirkungen auf den Betrieb bezüglich Verfügbarkeit und Arbeitszeiten zu erwarten sind.

Was die Finanzierung betrifft, so gibt es zusätzlich zur Unterstützung durch den FIA noch andere Möglichkeiten, von der öffentlichen Hand unterstützt zu werden. Dazu zählen beispielsweise Strukturverbesserungsbeiträge (von Bund und Kantonen) und kantonale Investitionskredite. Bei solchen Projekten bietet sich auch die Finanzierung durch Crowdfunding oder regionale Verbände an.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Diversifizierungsprojekte zusätzliche Einkommensquellen generieren und eine bessere Verteilung der Unternehmensrisiken sicherstellen. Ausserdem fliesst dadurch ein Teil des Mehrwerts aus Verarbeitung und Vermarktung der Produkte direkt den Produzenten zu. Durch die direkten Kontakte, welche die Projekte herstellen, sind sie auch ein Bindeglied zwischen der Landwirtschaft und der Bevölkerung.

Sébastien Chenuz, Office de Crédit agricole, Kanton Waadt; s.chenuz@prometerre.ch

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